Literatur ist ...

 

... keine Werbung. Literatur will nichts verkaufen. Literatur hat mit unserem Menschsein zu tun, mit Leib und Leben, mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen, mit unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Auf der einen Seite ist das Leben, die vielen Augenblicke, die wir erleben und erlebt haben, auf der anderen Seite die Sprache. Ein Text ist eine Brücke, sie verbindet Leben und Worte.


Die ersten schriftlichen Zeugnisse deutscher Sprache sind die Merseburger Zaubersprüche. Das Zauberhafte der Sprache kommt uns nur hin und wieder zu Bewusstsein, wenn wir berührt sind von einem Wort, einem Satz, einer Geschichte. Unser Material: 26 Buchstaben, die sich zu einer unendlichen Anzahl von Wörtern zusammensetzen lassen, die wecken, was war, was ist und was sein könnte.

 

Als ich lesen konnte, konnte ich nicht mehr damit aufhören. Von meinem ersten Honorar für eine Geschichte ("Hirtenlied") habe ich die 33 dicken grünen Bände des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm gekauft. Mit 350 000 deutschen Wörtern. Ich bin immer wieder begeistert von der Vielfalt und dem ungeheuren Reichtum dieses Wort-Schatzes.

 

Das Besondere guter Literatur ist die Aufmerksamkeit für den Einzelnen. Alle totalitären Staaten schaffen zuerst die individuellen Rechte ab. In der Literatur steht der Mensch im Mittelpunkt: der Mann, die Frau, das Kind. Die Literatur beleuchtet die sozialen Verhältnisse, in denen wir leben, die Beziehungen, die wir führen, die Widersprüche, in denen wir gefangen sind. Literatur zeigt aber auch, wie wir Zuschreibungen und Einschränkungen entkommen und neue Räume öffnen können.

 

Worte und Wörter unterscheidet Franz Fühmann in seinen Gedanken zu Georg Trakls Gedicht: „Die deutsche Sprache ist so hellsichtig gewesen, dem Substantiv Wort zwei Pluralformen zukommen zu lassen: Worte und Wörter (...) weshalb wir fortan den Begriff Wort zu der Mehrzahl Worte dem Bereich der Dichtung zuweisen wollen, streng im Unterschied zu einem Singular Wort mit dem Plural Wörter, der für uns das Wort als Instrument des wissenschaftlichen Zugriffs bezeichnet. (…) Diese Konsequenz aber bedeutet nichts anderes, als zwei in den Grundelementen gleichlautend und dennoch wesensverschiedene Sprachen anzunehmen, eine Sprache der Wissenschaft und eine der Dichtung, zwei Sprachen, die in den identisch erscheinenden Bausteinen derart voneinander verschieden sind, daß etwa die Adjektive rot und gelb in der Wissenschaftssprache eindeutige Wörter, nämlich als Namen für die Netzhauteindrücke bestimmter elektromagnetischer Wellen, in der Sprache der Dichtung hingegen als ambivalente, trotz jeweils klarer Begriffsbestimmung nie ausschöpfbare Worte anzusehen sind.“