Presse

Die Suche nach dem eigenen Leben

Roman über weibliche Selbstbestimmung in Geschichte und Gegenwart

Von Susanne Lohse (epd)

31. Mai 2026

Mit dem autofiktionalen Roman „mein Leben mit ihr“ (Verlag osbert + spenza, Immenstaad 2026) legt die Autorin Katrin Seglitz aus Ravensburg ein Buch vor, das persönliche Erinnerung, gesellschaftliche Reflexion und kulturhistorische Recherche miteinander verwebt. Ausgangspunkt und Rahmenhandlung ist ein Autounfall: Die Protagonistin Judith Laub übersteht ihn mit leichten Verletzungen, doch der zerstörte Wagen wird zum Auslöser einer existenziellen Selbstbefragung.

In den eineinhalb Tagen bis zu ihrer Weiterreise nach Wien zieht sie Bilanz und stellt sich Fragen nach Selbstbestimmung, Lebenssinn und den Grenzen, die ihr gesetzt sind. Im Zentrum steht dabei das Bild „Die Freiheit führt das Volk“ (1830) von Eugène Delacroix (1798- 1863) - im Roman schlicht als „Liberté“ bezeichnet. Das Bild zeigt Marianne, die Nationalfigur der Französischen Republik, die seit der Französischen Revolution (1789-1799) als Allegorie für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit steht.

Ein günstiger Druck des berühmten Gemäldes begleitet Judith seit ihrer Jugend und wird im Roman zur symbolischen Instanz, an der sie ihre eigenen Erfahrungen misst. Die Liberté steht als Gradmesser für Freiheit, Leidenschaft und Lebendigkeit - und zugleich als kritischer Spiegel der unterschiedlichen Rollen von Männern und Frauen, wie sie bis in die 1980er Jahre, der Zeit des Romangeschehens, wirksam waren.

„Halte ich mein Leben fest genug?“ lässt die Autorin ihre Ich-Erzählerin immer wieder fragen. „Ein Unfall geschieht ja oft aus Fahrlässigkeit“, erläuterte Seglitz dem Evanglischen Pressedienst (epd) ihre Idee für den Einstieg in das Romangeschehen. Fragen wie „was will ich vom Leben, was beschränkt mich?“ führen die Protagonistin zurück zu prägenden Stationen ihres Lebens.

In neun Rückblenden erinnert sich Judith an ihre Kindheit, an Aufbrüche nach dem Abitur, an ihr Leben in Paris und an körperlich anstrengende Erfahrungen wie etwa die Arbeit auf einer Alm. Dabei zeigt sich ein Spannungsverhältnis zwischen Körper und Geist, zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und individueller Selbstverwirklichung. Wiederholt greift Seglitz, die Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte studierte und Mitglied der deutschen Schriftstellervereinigung PEN (Poets, Essayists, Novelists) Deutschland ist, die Frage auf, wie sehr äußere Machtstrukturen - und damit auch Übergriffigkeit - persönliche Freiheit einschränken.

Ergänzt werden diese biografischen Passagen durch kurze Einschübe zur Französischen Revolution. Sie verdeutlichen, dass Frauen trotz der proklamierten Menschenrechte lange von politischer Gleichberechtigung ausgeschlossen blieben. Wie ein roter Faden ziehen sich unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven auf Fruchtbarkeit und Körperlichkeit durch den Roman.

„Der Umgang mit der eigenen Fruchtbarkeit ist bei Männern ein anderer als bei Frauen“, betonte Seglitz. Der „männliche Blick“, der primär die entblößten Brüste der Marianne sehe und nicht ihre Dynamik und Entschlossenheit, bestimme selbst die Rezeption einzigartiger Kunstwerke.

So verweist die Autorin gegenüber dem epd darauf, dass gerade dieser Blick eine Verwendung des Delacroix-Gemäldes als Buchcover verhindert habe. „Ich finde das Bild toll, aber nicht als Buchcover“, betonte sie. Der Männerperspektive stellt sie ein weibliches Rollenbild entgegen, das sich bewusst von tradierten Vorstellungen - etwa verkörpert durch die Mutterfigur - absetzt.

Nach Ansicht von Seglitz dränge die „patriarchale Ausprägung unserer Kultur durch das Christentum“ Frauen in beschränktere Rollenmuster als Männer. „Dass Judith, als sie mit 19 schwanger wird, ihr Kind abtreiben lässt, hängt mit der Ablehnung der Mutterrolle zusammen. Ein Leben wie das ihrer eigenen Mutter scheint ihr nicht attraktiv“, sagte Seglitz.

Über den europäischen Kontext hinaus öffnet Seglitz den Blick auf andere Kulturen. Mit Verweisen auf den Hinduismus und die Göttin Kali erweitert sie die Vorstellungen von Weiblichkeit. Kali erscheint als Symbol für Zerstörung, Wandel und weibliche Kraft, deren Verehrung dazu dient, Ängste zu überwinden und sich von einengenden Bindungen zu lösen.

Damit gelingt es Seglitz, auch institutionelle Formen des Zusammenlebens neu zu bewerten: Die Ehe erscheint am Ende nicht als Einschränkung, sondern als bewusst gewählter „anderer“ Zustand. Angelehnt an einen Gedanken des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, (1813-1855), dass das Leben nur rückwärts zu verstehen sei, aber vorwärts gelebt werden müsse, schließt der Roman versöhnlich. (1337/31.05.2026)

https://evangelische-zeitung.de/die-suche-nach-dem-eigenen-leben/

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Artikel in der Schwäbischen Zeitung, 25. April 2026

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"Auf der Suche nach einer neuen Sprache", Schwäbische Zeitung, 26.1.2023

Interview Seglitz, Parallelen, Gruppe 47 in Saulgau Katrin Seglitz, Interview zu

Artikel im Südkurier am 11. Oktober 2022

Schwäbische Zeitung, Artikel über das Buch

Artikel im Ravensburger Teil der Schwäbischen Zeitung am 26.9.2022

03.01.2023 Artikel über die Lesung in Frenkenbach am 28.12.2022

17.11.2021 Artikel über die Anthologie "Wächst das Rettende auch?"