Dorthin gehen, wo die Parallelen sich schneiden

 

Ende August 2022 sind sie endlich erschienen: die Resonanzen - so war der Arbeitstitel über zwei Jahre. In voller Länge lautet der Titel:

 

Dorthin gehen, wo die Parallelen sich schneiden

Hotel Kleber Post - Die Gruppe 47 in Saulgau - Texte&Resonanzen

Herausgeberin Katrin Seglitz

osbert+spenza 2022, ISBN 978-3-947941-03-2, 24 Euro

 

Aus der Einführung:

 

In seinem Buch Abschied von den Eltern nennt Peter Weiss seine Eltern die Portalfiguren seines Lebens, deren Bedeutung er nur schwer fassen könne. Zu den Portalfiguren meines Lebens als Leserin und Schriftstellerin gehören viele, die regelmäßig an den Treffen der Gruppe 47 teilgenommen haben, unter ihnen Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Ilse Aichinger, Peter Weiss und Günter Grass. Ihre Texte haben mich berührt, beschäftigt, nicht losgelassen. Ich wollte antworten. Das scheint mir einen guten Text auszuzeichnen: dass wir lesend in Dialog treten und nachdenken über unser Leben und unsere Beziehungen, über die Gesellschaft und unsere Rolle in ihr.


Als ich erfuhr, dass die Inhaber des Hotels Kleber Post ein Buch zur Gruppe 47 in Saulgau planten, dachte ich an den dialogischen Charakter des Lesens. Ich schlug vor, Kolleginnen und Kollegen zu bitten, auf einen Text aus der Gruppe 47 mit einem eigenen Text zu antworten. Ich dachte an Zsuzsanna Gahse, für deren Schreiben Helmut Heißenbüttel wichtig war, an Walle Sayer, der die Gedichte von Günter Eich schätzt, an Peter Braun, der jahrelang auf den Spuren von Hubert Fichte unterwegs war, an Bernadette Ott, die sich in ihrer Magisterarbeit mit Texten von Konrad Bayer auseinandergesetzt hat, an Hermann Kinder, der das Nachwort zu einer Neuauflage von Gisela Elsners Roman Riesenzwerge geschrieben hatte – um nur einige zu nennen, deren Texte in diesem Buch versammelt sind. Die Familie Reisch (vom Hotel Kleber Post) war einverstanden und ließ mir freie Hand bei der Umsetzung.


Ein reichhaltiges Buch ist entstanden. Die Lektüre ist ein Abenteuer. Sie ermöglicht die Wiederentdeckung von Texten der Gruppe 47, aber auch Einsichten in die unterschiedliche Art und Weise, zu ihnen in Resonanz zu gehen: kurz und knapp, ausführlich und verschachtelt, experimentell oder essayistisch. Ich habe es den Autorinnen und Autoren überlassen, einen Text zu wählen, einzige Vorgabe war, dass der Verfasser, die Verfasserin zu einer der zwei Tagungen in Saulgau eingeladen worden war. Zwei Autoren haben Gedichte von Günter Eich gewählt: Walle Sayer und Volker Demuth. Ihre Beiträge umrahmen die anderen Resonanz-Paarungen.


Aus einem Gedicht von Günter Eich ist auch der Titel des Buchs: „Dorthin gehen, wo die Parallelen sich schneiden.“ Gibt es den Punkt, an dem sich die Parallelen schneiden? Auf den ersten Blick klingt das wie ein Paradox. Und doch scheinen sich Gleise zu berühren, je weiter sie sich von uns entfernen. Wir begegnen lesend der Autorin eines Tex- tes, obwohl sich unsere Lebenslinien nicht schneiden. Ein Wort berührt uns, ein Satz lässt uns nicht los, nistet sich ein, wird zur Zikade, wie Osip Mandelstam in seinem Gespräch über Dante schreibt: „Ein Zitat ist keine Abschrift. Ein Zitat ist eine Zikade. Es läßt sich nicht zum Schweigen bringen. Hat es sich erst eingestimmt, hört es nicht mehr auf.“ Die Literatur ist ein riesiger Resonanzraum, hier treffen sich auch die Stimmen von Menschen, die in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort gelebt haben. Weil wir, wie es Hölderlin formuliert, nicht nur Gespräche führen, sondern ein Gespräch sind.