Meine Auseinandersetzung mit Nietzsche

Nietzsche steht nicht im Mittelpunkt meines Romans. Aber natürlich habe ich mich mit ihm und seinem Zarathustra auseinandergesetzt. Er hat mich geärgert, er hat mich amüsiert, ich habe gelacht, ich war abgestoßen, aber immer haben seine Worte etwas mit mir gemacht.

„Was zum Beispiel meinen Zarathustra anbetrifft, so lasse ich niemanden als dessen Kenner gelten, den nicht jedes seiner Worte irgendwann einmal tief verwundet und irgendwann einmal tief entzückt hat (...)"

Einiges, was Nietzsche in seinem Zarathustra schreibt, ist nicht zu rechtfertigen. Aber sein Zarathustra legte auch keinen Wert auf Jünger. Nein, man muss nicht allem zustimmen, was er in seinen Predigten von sich gegeben hat.

Nietzsches Kopf aus Ton in Sils Maria

Nietzsche kommt aus Röcken und war der Sohn eines Pfarrers. Eine Zeit lang sah es so aus, als würde er in die Fußstapfen seines Vaters treten. In Bonn studierte er ein Jahr lang Theologie und klassische Philologie, wechselte dann nach Leipzig und ließ die Theologie sausen. Wie viel Theologie in seinem Zarathustra ist, könnte man sich mal näher anschauen. Die Reden Zarathustras erinnern jedenfalls sehr an Predigten.

In Basel bekam er mit 24 Jahren eine außerordentliche Professur für Klassische Philologie, nach zehn Jahren musste er den Lehrstuhl verlassen. Er litt an Kopfschmerzen, die ihn durch halb Europa getrieben haben, auf der Suche nach einem Ort, an dem es ihm besser gehen würde.

1881 verbringt er den ersten Sommer in Sils Maria. Am See von Silvaplana kommt ihm der Gedanke der Ewigen Wiederkehr und die Grundkonzeption des Zarathustra. Die Niederkunft ereignet sich 18 Monate später im Februar 1883. Dieser Zeitraum "dürfte den Gedanken nahelegen (...), daß ich im Grunde ein Elefantenweibchen bin."

Hier saß ich, wartend, wartend, – doch auf nichts, Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel, Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. Da, plötzlich, Freundin! wurde eins zu zwei – Und Zarathustra ging an mir vorbei …

So beschreibt Nietzsche das Auftauchen Zarathustras.


Mit Zar, der im Norden Afghanistans aufgewachsen ist, und damit in einer Gegend, die früher zu Persien gehörte und die Heimat des historischen Zarathustras war, kommt in meinem Roman Zarathustra Nummer drei ins Spiel. Dass er an einem Donnerstag kommt, verleiht seinem Auftauchen eine Alltäglichkeit, die mir gefallen hat.

Ich bin Nietzsche mit 20 das erste Mal begegnet, in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.

Was ich las, hat mich sofort angesprochen: „Gewiß, wir brauchen Historie, aber wir brauchen sie anders, als sie der verwöhnte Müßiggänger im Garten des Wissens braucht, mag derselbe auch vornehm auf unsere derben und anmutlosen Bedürfnisse und Nöte herabsehen. (...) Das heißt, wir brauchen sie zum Leben und zur Tat, nicht zur bequemen Abkehr vom Leben und von der Tat, oder gar zur Beschönigung des selbstsüchtigen Lebens und der feigen und schlechten Tat. Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen: aber es gibt einen Grad, Historie zu treiben, und eine Schätzung derselben, bei der das Leben verkümmert."

Das fand ich befreiend. Ich stand am Anfang meines Studiums, vor mir lagen die ausgedehnten Felder von Literatur und Philosophie. Das erzeugte einen nicht unerheblichen Druck. Von nun an würde ich Tag und Nacht lesend verbringen müssen, um wenigstens einen kleinen Teil dessen kennenzulernen, was vor mir lag.

Deshalb gefiel mir Nietzsches Plädoyer für das Vergessenkönnen: "Bei dem kleinsten aber und dem größten Glücke ist es immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden. Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, (...) der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was andre glücklich macht."

Noch ein Wort zu seinem mächtigen Walrossbart, der zu seinem Markenzeichen geworden ist. Nietzsche hat sich auch dazu geäußert: "So kann der sanftmüthigste und billigste Mensch, wenn er nur einen grossen Schnurrbart hat, gleichsam im Schatten desselben sitzen und ruhig sitzen."