Meine traurige Heimat war das schönste Land der Welt. Jetzt ist es das Unglücklichste. Geflüchtete erzählen aus Syrien, aufgezeichnet von Katrin Seglitz

 

Im Februar 2017 unterrichtete ich Deutsch in einem B2-Sprachkurs in Ravensburg. Die meisten Teilnehmer kamen aus Syrien und sprachen schon gut Deutsch. Sie sollten eine kurze Präsentation machen, das gehörte zum Lehrplan.

Im Buch stand ein Text über Magritte, daneben war eins seiner Bilder: ein Zimmer, dessen Wand sich auflöst und Himmel wird. Wir sprachen über den Surrealismus, wir sprachen über die Alltagsgegenstände, die das Zimmer beherrschen, und über das Verschieben der Grenzen unserer Wahrnehmung.

Dersim machte eine Präsentation über den Zusammenhang von Surrealismus und Sufismus, inspiriert von einem Essay des syrischen Schriftstellers Adonis. „Sufismus“ komme von „safar“, was auf Arabisch „Klarheit“ bedeute. Zur Wortfamilie gehöre aber auch „sophia“, das griechische Wort für „Weisheit“. Sowohl Sufis wie Surrealisten wollen die Grenzen unserer Wahrnehmung erweitern, der Unterschied: die einen suchen Gott, die anderen nicht. Dersim öffnete in wenigen Sätzen den Horizont, zeigte Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Sprachen und Kulturen, seine Präsentation war grenzüberschreitend im allerbesten Sinn.

Mohamed begann seine Präsentation mit den Worten: „Meine traurige Heimat war das schönste Land der Welt. Jetzt ist es das Unglücklichste.“ Und Khaled erzählte, warum der Mittwoch ein besonderer Tag in Homs ist. Er sprach vom Humor seiner Bewohner, von ihrem Widerstand gegen die Eroberung durch die Mongolen im 13. Jahrhundert und von der Belagerung durch Assads Armee. Er zeigte mir ein Foto, auf dem er auf dem Boden hockt mit einer kleinen grünen Pflanze in der Hand: „Das habe ich gegessen, als wir hungerten in Homs, als es nichts mehr zu essen gab.“

Yusuf kommt aus Damaskus. Als die Revolution 2011 begann, hat er seinen besten Freund verloren. Aber davon erfuhr ich erst später.

Es war wie auf dem Bild von Magritte: im Verlauf der Präsentationen lösten sich die Wände des Raums auf, und der Blick, der vom Alltag gefangen ist und sich in den Vordergrund drängt wie die Gegenstände, die wir täglich benützen, öffnete sich auf eine andere Welt, auf verstörende, verletzende, verheerende Erfahrungen – aber auch auf die Geschichte Syriens, auf philosophische Fragen, auf Erlebnisse und Erinnerungen. Ich wünschte mir, dass auch andere Menschen erfahren könnten, was ich gehört hatte, und schlug vor, ein Erzählprojekt zu starten, mit dem Ziel, die Texte zu veröffentlichen.