17.01.2020 Impression/Abdruck - Einführung in die Ausstellung von Felicia Glidden im Kulturhaus Caserne in Friedrichhafen Fallenbrunnen

       

 

Felicia Glidden Impression | Abdruck 17 - 28 Januar, 2020 Vernissage Freitag 17 Januar 19:30 Uhr Begrüßung Sylvio J. Godon Laudatio Katrin Seglitz Musik Alain Wozniak Kunsthaus Caserne Sa/So 14 - 18 Uhr Fallenbrunnen 17 88045 Friedrichshafen Tel.: 07541 371661 https://projektraumfn.us9.list-manage.com/track/click?u=80ef956213f94ab891b8ce8f5&id=4afb5f46d9&e=bc40d3f105 detail: Trashquilt Tête du Travers, oil pencil ink on paper, 275 cm x 150 2016

 

Katrin Seglitz

Rede für die Vernissage der Ausstellung „Impression/Abdruck“ von Felicia Glidden am 17.1.2020 im Kunsthaus Caserne in Friedrichshafen Fallenbrunnen

Wenn man in diesen Raum kommt, ist man beeindruckt von den großformatigen Arbeiten, die hier hängen. Impression/Abdruck hat Felicia die Ausstellung genannt, und beide Wörter haben einen Hof von Bedeutungen: In der Impression hören wir die Presse, das Pressen, den Druck, das Drucken und Drücken und Eindrücken. Begriffe, die mit Druck und Druckverfahren zu tun haben. Und der Frage, was einen Eindruck hinterlässt.

Diese Frage stellt sich Felicia, dieser Frage geht sie experimentell mit ihren Arbeiten nach, der Frage, was sie beeindruckt, so beeindruckt, dass sie nach einem Ausdruck dafür suchen muss.

Sie ist in Minneapolis aufgewachsen und hat in der Stadt gelebt bis sie 18 war. Danach ist sie zum Studium nach Duluth gegangen. Sie hat Mathe und Ingenieurwesens studiert und Kurse belegt in Visual Art und Dance. Duluth liegt am Oberen See, einem der drei riesigen Seen im Norden der USA, an der Grenze zu Kanada.

Duluth hat einen großen Hafen, von hier aus fahren Schiffe über den Sankt-Lorenz-Seeweg bis in den Atlantik. Rohstoffe werden in Duluth verschifft: Eisenerz, Getreide, Kohle, Öl und Holz. Die Stadt selbst ist mit 86 000 Einwohnern keine große Stadt, nur wenig größer als Friedrichshafen.

In ihrem 3. Studienjahr hat sich Felicia ganz der Kunst zugewandt.

Sie zog in ein altes Holzhaus mitten im Wald, in der Nähe des Sees, eine Stunde von Duluth entfernt. Sie hat sich in der Garage ein Atelier eingerichtet, mit Holz geheizt, Kunst gemacht und das Geld, das sie zum Leben brauchte, mit der Renovierung von Häusern und Booten verdient. Sie hat in der Natur und mit der Natur gelebt, eine Erfahrung, die sie bis heute trägt.

Und prägt.

Womit wir wieder beim Druck sind und beim Eindruck, den etwas hinterlässt. Noch bevor sie die Mülltrennung in Deutschland kennengelernt hat, hat sie, als sie im Wald lebte, den Müll getrennt. Seit zwei Jahren sind die Verpackungen mehr und mehr in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit gerückt.

Auch Verpackungen werden entworfen und hergestellt. Sie dienen dem Schutz von Lebensmitteln und Produkten. Werden geöffnet oder aufgerissen, abgerissen und entfernt. Sie haben eine dienende Funktion, werden in der Regel übersehen.

Felicia macht sie sichtbar, indem sie Kartons auseinanderklappt, unter Papier legt und mit Grafit darüber reibt, so dass ein Abdruck entsteht. Sie hat aufgeklappte Kartons und Verpackungen zusammengenäht. Und aus Plastiktüten Trashquilts gemacht.

Anfangs wurde die Entdeckung der Herstellung von Kunststoffen gefeiert. Der Erfolg führte zu massenhafter Produktion. Längst fühlen wir uns bedrängt und bedroht durch die Flut von Plastik in jeder erdenklichen Form.

Und doch gibt es Kunststoffe, von denen wir uns wünschen, dass sie uns überleben. 1856 wurde Zelluloid entwickelt, ab 1870 vermarktet und weiterentwickelt als Trägermaterial für Filme. 1951 wurde die Herstellung eingestellt, denn Zelluloid ist leicht entzündlich. In trockener Umgebung sinkt der Wassergehalt und Zelluloid wird zum Sprengstoff, der sich spontan entzünden kann.

Zelluloid wurde ersetzt durch eine mit einer Fotoemulsion beschichteten transparenten Folie aus Tri-Acetat oder Polyester. Streifen aus dem Zeitalter analoger Fotografie finden sich noch in vielen Haushalten. Auch bei Felicia.

Als der Keller von Felicia und Alain bei einem Hochwasser überflutet wurde, wurde klar, dass auch Tri-Acetat und Polyester verdirbt, wenn es nass wird. Die Dias in ihrem Archiv zeigen neben den festgehaltenen Augenblicken auch abstrakte Landschaften von sich ausbreitendem Schimmel. Felicia hat aus den zerstörten Fotos eine memory skin gemacht, eine Erinnerungshaut. Und sie zu einer Allegorie der Vergänglichkeit gemacht.

Felicia: „Die Zeit ist wie eine Flut, die das, was mal Gegenwart war, überzieht und ausbleicht.“

Kunststoffe dienen der Verpackung, dem Schutz von Dingen, aber auch als Träger von Erinnerungen. Felicia geht es in dieser Ausstellung darum, ihre Materialität sichtbar zu machen und die Formen, die im Umlauf sind.

Das ist der eine Aspekt, der eine Teil ihrer hier ausgestellten Arbeiten. Der andere Aspekt ist das Sichtbarmachen von emotionalen Eindrücken. Andy Dunhill hat sie beeindruckt. Ihm hat Felicia ein Buch gewidmet mit Frottagen. Das Wort Frottage kommt aus dem Französischen von frotter – reiben. Ein Verfahren, das Max Ernst ab 1925 entdeckt und entwickelt hat. Bei der Frottage wird die Oberflächenstruktur eines Gegenstandes oder Materials durch Reiben mit Hilfe eines Stifts auf ein aufgelegtes Papier übertragen. Die Frottage ist ein künstlerisches Stilmittel zur Integration vorgefundener Strukturen.

Andy war ebenfalls Künstler, Bildhauer und Zeichner. Wir waren zusammen in Spetzgart, bei dem Künstleraustausch Salem2Salem, bei dem sich jeden Sommer deutsche und amerikanische Künstler und Künstlerinnen treffen, mal in Schloss Salem, mal in Salem Art Works im Staat New York. Felicia kannte Andy schon länger, von Amerika, von der Arbeit im Franconia Sculpture Park. Ich habe ihn erst in Spetzgart kennengelernt und war beeindruckt von seiner Ausdruckskraft. Er arbeitete mit schwarzer Tusche und heftete die Skizzen, die in rascher Folge entstanden, an die Wände seines Zimmers.

Ich sah sie durch das offene Fenster, sah ihn am Schreibtisch sitzen und zeichnen, und dachte: Wow! Da ist ein neuer Picasso. Geballte Kraft, geballte Fäuste, Pommes und lästige Fliegen, seine Skizzen verrieten großes Können, elementare Kraft und: Humor. Er war Brite und kam nach Amerika, weil Obama gewählt worden war. Für Felicia war er ein Künstlerkollege, dessen Urteil aufrichtig war. Wenn er etwas sagte, war das eine honest critic, eine ehrliche Meinung, er nahm kein Blatt vor den Mund.

Sein Tod war ein Schlag. Sein Vermächtnis ist seine Kunst. Und seine Art zu arbeiten: Mit Kraft, Können und Humor. Mit der Frottage als Stilmittel zur Integration anderer Strukturen thematisiert Felicia Einfluss und Eindruck durch andere Menschen.

Was beeindruckt uns?

Wer beeindruckt uns? Was geht unter die Haut?

Der Philosoph Schelling schrieb vor 200 Jahren, dass sich bewusste Tätigkeit mit einer bewusstlosen Kraft verbinden muß, damit ein Kunstwerk entsteht.

Felicia arbeitet immer wieder mit Traumbildern und Tagebuchnotizen. Zeichnet Buchstaben und Wörter aus diesen Traumbildern in die Farbe, die sie auf die Kartons aufträgt, bevor sie Abdrücke macht.

Eine Serie von Trashquilts hat sie Tête du Travers genannt. Tête du Travers ist der Name des Bergs, gegen den ein Pilot 2015 ein Flugzeug mit 149 Passagieren gesteuert hat. Tête heißt Kopf. Le travers ist der Fehler oder die Quere. Esprit de travers bedeutet Querköpfigkeit. Gegen einen Berg mit dem Namen Querkopf hat ein Querkopf ein Flugzeug gelenkt und viele Menschen mit sich in den Tod gerissen.

Was ist im Kopf des Piloten vorgegangen?

Fünf Tage später schrieb Felicia unter dem Eindruck des Absturzes einen Text. Teile dieses Textes tauchen auf ihren Trashquilt Prints auf.

Kann dieser Vorgang zu einer Allegorie für unser eigenes Verhalten werden? Was geht in unseren Köpfen vor, wenn wir durch unseren Konsum, den hemmungslosen Verbrauch von Rohstoffen andere Menschen, andere Generationen schaden?

Für Felicia hat sich der Unfall am Tête du Travers verbunden mit der Wahlkampagne von Trump. Sein Verhalten ähnelt dem Verhalten des kranken Piloten. Der eine hat ein Flugzeug gegen einen Berg gelenkt, der andere ist dabei, ein ganzes Land gegen die Wand zu fahren. Und die halbe Welt.

Seine Worte: Trashtalk. Lügen, schön verpackt.

Believe me. Trust me.

Der Gegensatz von der Selbstdarstellung dieses Angebers und einem einfachen Leben im Wald ist groß. „Walden“ heißt das Buch von Thoreau, das zu einem Kultbuch geworden ist. Darin ist auch die Rede, heißt es: „Wozu diese verzweifelte Jagd nach Erfolg, noch dazu in so waghalsigen Unternehmungen? Wenn ein Mann nicht Schritt hält mit seinen Kameraden, dann vielleicht deshalb, weil er einen anderen Trommler hört. Lasst ihn zu der Musik marschieren, die er hört.“

Künstler folgen ihren Eingebungen. Sie ermutigen andere durch ihre Kunst, zu hören, was in ihnen laut wird, wenn sie allein und ganz still sind. Wenn sie im Wald sind. Oder am See entlang gehen. Am Oberen See bei Duluth. Oder am Bodensee.

Die Winter in Duluth sind kalt. So kalt, dass der Obere See zufriert. Es gibt Filme, in denen man sieht, wie sich das Eis aus dem See aufs Land bewegt. Knirschend bedroht es Häuser und Menschen. Natur ist bedrohlich. Kann bedrohlich sein. Bedrohlich wie Menschen. Bedrohlich wie ihre Worte.

Felicia hat Bricks aus Metall und Papier gemacht, mit denen sich Mauern errichten lassen. Aber sie hat keine Mauer gebaut. Die Bricks liegen in einem Haufen auf der Bühne. Bruchstücke einer abgrenzenden Haltung, der Felicia etwas anderes entgegensetzt: Den tänzerischen Schwung, mit dem sie Grafitstifte über die Papierbahnen führt. Damit bringt sie eine andere Energie zum Ausdruck, fegt das Starre, Erstarrte, Eisige und Vereiste weg, das sich in den letzten Jahren in der amerikanischen Politik ausgedrückt hat.

Im Sommer 2019 hat Felicia in Salem mit Kassandra gearbeitet. Eine Serie beeindruckender Bilder ist entstanden. Kassandra kam aus Troja und hat vor dem Untergang ihrer Stadt gewarnt. Und wurde doch nicht gehört. In ihre Kassandra-Bilder hat Felicia Schlagzeilen und Artikel über Amerika unter der unberechenbaren Führung durch Trump eingearbeitet.

Und sie hat das Motiv des kippenden Hauses entwickelt, ebenfalls nach einem Traum, in dem sie die Worte hörte, shore it up! Das Haus muss gestützt werden! Das Haus kann als Symbol für Amerika und seine aktuelle Regierung verstanden werden, aber auch für unseren Planeten.

Kurz vor dem ersten Weltkrieg hat Jan van Hoddis das Gedicht Weltende geschrieben:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.


Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jan van Hoddis verbindet mit leichter Hand Banales und Apokalyptisches. Den Schnupfen und das Gefühl einer existenzielle Bedrohung. Es ist ihm gelungen, ein Bild zu schaffen für seine Zeit. Danach suchen wir, wenn wir Kunst machen. Und betrachten. Wir suchen nach einem Ausdruck für das, was uns unter die Haut geht. Felicia zeigt uns in dieser Ausstellung, was sie umtreibt, was sie beeinflusst und beeindruckt hat. Lassen Sie sich beeindrucken!

 

 


Mehr unter: feliciaglidden.com – katrin-seglitz.de – alainwozniak.com - kulturhaus-caserne.de

 

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1. Juni 2017 - Ausstellung von Annette Weber. Sich sammeln, Luft holen, Raum geben

Ich nehme mir das jetzt mal raus, sagte sie. Annette Weber hat sich rausgenommen aus der Tagespolitik, aus den Katastrophen, die anbranden, sobald man den Fernseher anmacht. Sie hat sich der Landschaft zugewendet, die vor ihrer Haustür liegt, in der und durch die sie sich bewegt, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht und mit sich reißt. 

Wie kann man sich dieser Umgebung entziehen? Als Künstlerin? Will man sich ihr entziehen? Das Schönste ist doch, sich ihr hinzugeben. Darum kommen die Menschen an den Bodensee, kommen nach Langenargen, um alles abzugeben, was sie bedrückt und bekümmert, um zur Ruhe zu kommen und sich dem Licht zu überlassen, der Luft und dem Wasser, der Sicht auf die Berge.

Und genau das hat Annette Weber sich erlaubt mit dieser Ausstellung, sich rauszunehmen auch aus dem kritischen Anspruch, den sie an die Kunst und an das Leben hat, als eine, die im Dunstkreis der Nach-68er studiert hat in Mainz und in Saarbrücken.

Wir kennen die Zeilen von Brecht: Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Trotzdem hat Brecht von Bäumen geschrieben - und Annette Weber hat beschlossen, trotzdem den See zu malen. Und die Berge. Und den Himmel. Und das Schloss. Obwohl ein Schloss ja sowas von... kitschig ist. Eigentlich.

Aber da steht es, auf der Landzunge, die in den See hineinragt. Warum es nicht malen? Weil es auf allen Postkarten zu finden ist? Weil es ein beliebtes Fotomotiv ist für alle, die nach Langenargen kommen? Deshalb einen Bogen drumherum machen? Nein, Annette Weber hat sich entschlossen, dem Schloss einen Platz auf ihren Bildern zu geben, es zum Bezugspunkt zu machen, zum Ausgangsort und Ziel visueller Ausflüge über den See, in die Berge und über die Berge hinweg in den Himmel. (...)

 


15. Januar 2017 Eröffnung der Jahresausstellung des VBKW im Neuen Schloss in Meersburg

Ich lade Sie ein, mir in das Atelier eines Künstlers zu folgen. Er fragte: „Möchten Sie einen Kaffee?“ Ich sagte: „Ja, gern.“ „Mit Milch?“ „Ja.“ „Und Zucker?“ „Ja, ich nehme auch Zucker.“ Er schüttete Bohnen in den Behälter der Kaffeemaschine und Puderzucker in eine Zuckerdose. Ich sagte: „Sie nehmen wohl normalerweise keinen Zucker...“ Da sagte er: „Doch, für Radierungen brauche ich immer Puderzucker.“ Wir setzten uns an einen runden Tisch zwischen Druckpressen und dem Arbeitsbereich mit Werktisch, auf dem – unter anderem - Kupferplatten lagen. Ich trank einen Schluck des köstlichen Kaffees, und er erklärte mir, dass er Puderzucker mit Wasser und Tusche zu einem Brei anrührt und die so entstandene Zuckertusche mit einem borstigen Pinsel auf eine Kupferplatte aufträgt. Er lässt sie trocknen und streicht dann Asphaltlack über die Platte. Lässt den Lack trocknen und löst die Zuckertusche mit warmem Wasser. Die Formen, die zum Vorschein kommen, werden geätzt. In diesem Fall erscheint später beim Druck eine pudrig wirkende Schlangenlinie.

Ateliers von Künstlern und Künstlerinnen zu besuchen, bedeutet: Entdeckungen zu machen. In Schubladen, die halb aufgezogen sind, liegen Papiere unterschiedlicher Stärke, Japanpapier, hauchzart, aber auch Bütten, handgeschöpft. Auf Regalen stehen Gläser mit Pigmenten farbiger Erden und zerstoßenen Steinen, darunter Grüne Erde aus Vagone, Pompejanisch Rot, Terra di Siena, Spanischer Ocker und Maori-Blau. Auf Arbeitstischen liegen Tuben mit Acryl- und Ölfarben, Flaschen mit Terpentin und Lappen, auf einer Palette sind feuchte Farbhügel, aus Tuben gedrückt, und in einer Schale Tempera, frisch angerührt aus Ei, Leinöl, Wasser und Pigmenten. Im Hintergrund steht ein kleiner gußeiserner Ofen, die Tür ist geöffnet, ein großes Holzscheit verbrennt knisternd und verbreitet Wärme. Kaffeetassen stehen auf dem Tisch, manchmal auch eine Dose mit Puderzucker oder eine Flasche Wein, halb ausgetrunken. Es wird gesägt und geschmiedet, gehämmert und geschweißt, gezeichnet und gemalt, getöpfert und gewebt. Man hört was, man riecht was, man sieht was, man taucht ein in eine Welt, die alle Sinne anspricht. Es sind die Werkstätten, die mich für die bildenden Künstlerinnen und Künstler einnehmen. (...)

       

       


 


3. März 2016, Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung Neu(seh)Land

Sehr geehrter Landrat, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

nach meinem ersten Gespräch in der Unterkunft in Kehlen beschloss ich, eine Syrienkarte zu kaufen, um mir von den Flüchtlingen zeigen zu lassen, wo sie herkommen. Ich ging in eine Buchhandlung, die gut sortiert ist und eine reichhaltige Kartenabteilung hat. Und doch gab es keine Karte von Syrien. Die Buchhändlerin sagte ganz ohne Ironie: „Zur Zeit will niemand nach Syrien. Aber ich kann Ihnen eine Karte bestellen.“ 

Drei Tage später holte ich die Karte ab. Zuhause schlug ich sie auf und sah Syrien – mit Damaskus, Aleppo, Homs, Raqa. Ich sah den Euphrat und den Tigris, das mythische Flusspaar, von dem ich schon als Kind gehört hatte, hier lag der Garten Eden. Tränen schossen mir in die Augen, ohne dass ich es hätte verhindern können, ich trauerte um die Menschen, die diesen Krieg erleiden mussten und müssen, um die Städte, die alt sind und nun in Trümmern liegen, um das Zweistromland, Wiege der Menschheit, Ort der ersten Hochkulturen der Sumerer, Erfinder der Schrift. (...)


Fotos der Ausstellung Neu(seh)Land