Beate auf den Knien

"Kennen Sie diese Wohnungen, Altbau, 1898 erbaut, jedes Zimmer fünf Meter hoch, Stuck an der Decke, Fenster wie in der Gotik? Unerreichbar auch für die potenteste Sprühflasche? Und haben Sie schon einmal versucht, so ein Zimmer mit einem Ofen zu heizen, so einer starken und launischen Persönlichkeit aus Gußeisen, schwedisches Fabrikat? Maulfaul und mürrisch?

Ich versuche es gerade.

Können Sie mich sehen? Vielleicht so wie auf einer alten Fotografie? So eine Schwarz-Weiß-Fotografie mit einem Stich ins Gelbliche? Gezackter Rand? Oder weißer glatter Rand?Aber Rand auf jeden Fall. Hatten die Abzüge damals noch. Ach, was war nicht alles 'noch'! Noch kein Fernsehen, jedenfalls nicht bei uns, noch keine Pille, jedenfalls nicht bei mir. Ich trage noch einen Strumpfbandgürtel mit Strapsen und Strümpfe mit Naht, da staunst du, Madonna, und Laufmaschen lasse ich noch reparieren, zehn Pfennig pro Stück. So vor gut zwanzig Jahren, vor sehr gut zwanzig Jahren, lieber nicht so genau nachrechnen.

Wir wußten noch nichts von den Hippies, obwohl es die schon gab, und nichts von 'Hair' und das Wort 'Broadway' konnten wir so eben buchstabieren. Aber Haare - Haare waren auf einmal nicht mehr etwas, das man in eine Frisur sperren mußte wie in einen Panzerschrank und dessen unordentliche Pracht man mit klebrigem Taft liquidierte.

Meine Haare jedenfalls, wie ich da am Ofen sitze, sind vom Schlaf verstrubbelt und reichen trichterförmig um meinen Oberkörper herum und bilden ein atavistisches Fell."

(Felicitas Andresen, Beate auf den Knien, München 1993, S.5)