Lene im Schilf

Aus dem Vorwort:

"Schule(n) Schloss Salem, Baden, diese Adresse war fünf Jahre lang meine. Es waren die wichtigen Jahre, in denen ich am Anfang zwölf und am Ende fast achtzehn war.

Die Adresse gehörte zu mir wie eine Gewohnheit, wie Zähneputzen, wie Wasser-aus-der-hohlen-Hand-Trinken, wie das Köfpen vom Frühstücksei mit dem Messer.

Ich kann diese Adresse heute noch träumen und sogar im Traum hat sie nichts von ihrer Selbstverständlichkeit eingebüßt. Ich bin daher nicht überrascht, wie gegenwärtig das ist, was ich da gerade betrachte.

Was ich betrachte, ist ein Zeitungsausschnitt. Eine aus der Zeitung ausgeschnittene Photographie.

Die in der Mitte, das Mädchen mit dem hellen Zottelhaar und dem schwarzen Trainingsanzug und den weißen großen Zähnen, könntest du kennen: Sofia von Griechenland und gegenwärtig Königin von Spanien. Sie hat sich gar nicht so sehr verändert. Ganz links steht ein Mädchen mit schwarzen kurzen Turnhosen und weißen Beinen. Ich. In eine schwarze Tomate beißend.

Ich kam zu spät an diesem Nachmittag und wurde aus Höflichkeit bei der Aufnahme in letzter Sekunde mit dazu gestellt. ein Zeitungsausschnitt also. Die Bildunterschrift heißt: Tomaten-Ernte im Landerziehungsheim.

Natürlich ist das Bild schwarz-weiß. (...)

Schwarz-Weiß ist die Farbe der Erinnerung. ein schöner Satz, ich hab ihn aus der Wochenzeitung DIE ZEIT geklaut. Allerdings erhebt sich sofort die Frage: Stimmt das denn? IST Schwarz-Weiß die Farbe der Erinnerung? Tatsächlich weiß ich das nicht.

Der Volksmund sagt: Erinnerungen verblassen. Ja, wie sollten sie auch nicht! Wie sie da liegen, in Sonne und Regen, tagein, tagaus, jahrein, jahraus, vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter (...), wie sollte da nicht den Erinnerungen die Farbe abhanden kommen?

(...)

Na, dann wollen wir mal zaubern!

Ich rufe das Paint-Programm auf und zeige dem Pfeil die Füllfunktion und die Farbe und schon ist Sofia goldblond und braungebrannt und ihr Trainingsanzug dunkel-indigoblau und meine Tomate rot. Und ich animiere die Mädchen, und sie beginnen ihre Beine zu bewegen und runden sich und die Grafik wird immer zeitgenössischer, die Mädchen gewinnen die dritte Dimension und laufen fort in die Raumtiefe, mein Gott, so echt, so hochauflösend, über den Hockeyplatz und lachen ein ganz normales Gelächter von 14-, 16-jährigen und lachen sich kaputt über den blöden Photographen und seine Angst vor nackten Mädchenbeinen.

Jetzt sind wir lebendig."

Wie lebendig, zeigt uns Felicitas Andresen auf den folgenden Seiten. Die Kapitel heißen: "Juni", "Juli", "August", "September". Die Ich-Erzählerin verbringt die Sommerferien im Haus einer Freundin am See und verliebt sich zum ersten Mal.

Das Buch ist 2012 erschienen, auf dem Cover ist eine Lithographie von Erich Heckel.