Die Liberté

Diese Frau ist immer noch unbequem. Das spürte ich, als es um die Frage ging, was aufs Cover kommt. Sie. Natürlich! Denn die Liberté ist der rote Faden in meinem Roman. Dann kamen die ersten Vorschläge der Grafikerin Eva Hocke. Da fielen sie mir zum ersten Mal so richtig auf: die nackten Brüste der Liberté. Wie viel von ihr sollten wir zeigen? Das ganze Bild oder nur einen Ausschnitt? Den Kopf der Liberté im Profil, den sie nach hinten wendet, um die hinter ihr Laufenden anzufeuern, weiterzulaufen und weiterzukämpfen? Oder mehr?

Und schon standen die Brüste im Mittelpunkt und zogen die Blicke auf sich. Und wir waren mittendrin in einer Diskussion, die geführt wird, seitdem Delacroix die Liberté gemalt hat. Heinrich Heine fühlte sich an eine griechische Kurtisane erinnert, als er das Bild sah, für ihn war sie eine Venus der Gassen. Ihre Arme sind muskulös, ihre Achselhöhle behaart. Delacroix stellt die Liberté nicht auf einen Sockel, wie es damals üblich war, sondern zeigt sie in Bewegung. Auf einer seiner Skizzen ist ihr Kopf noch gesenkt, auf dem Gemälde aber aufgerichtet und so gedreht, dass man ihr Profil sieht. Sie lächelt nicht, ist nicht gefällig und will nicht gefallen, sie hat anderes im Sinn: die Befreiung der Bevölkerung von den Anmaßungen der Reichen und Mächtigen.

Bis heute entspricht sie in keiner Weise den Erwartungen, die Männer an eine Frau haben. Das hat französische Kunstkritiker 1831 im Salon de Peinture ebenso empört wie Politiker in Kiew 2011, als Frauen mit entblößten Brüsten gegen Sextourismus und Ausbeutung demonstriert haben.

Vor kurzem ist die Liberté von Delacroix restauriert worden, die Leuchtkraft der Farben war verloren gegangen. Auf arte gibt es eine Dokumentation darüber (Ein Hauch von Freiheit), in der es auch um die Entstehung und die Rezeption des Bildes geht. Giulia Sissa, Historikerin und Philosophin, stellt fest: „Dieses Bild ist ein Gegenmittel gegen alle Formen ideologischer Manöver, die Frauen zuhause an den Herd verbannen und auf ihre Gebärmutter reduzieren wollen, sie zurückdrängen in die Rolle von anschmiegsamer, aufopfernder und mütterlicher Hingabe und Unterwerfung. Diese Frau ist die Anti-Mutter und sie ist mir unglaublich sympathisch.“

Was auffällt: nur Männer laufen ihr nach. Wenn sie noch laufen können. Einige liegen im Sterben oder sind schon gestorben. In den Julitagen 1830 werden viertausend Barrikaden errichtet, tausend Menschen sterben, Tausende werden verletzt. Delacroix stellt die Folgen der Kämpfe realistisch und ergreifend dar. Er hatte sein Atelier gegenüber des Louvre, war Augenzeuge des Aufstands und schrieb: „Konnte ich nicht für meine Heimat siegen, so male ich für sie.“

In den letzten Jahrzehnten sind wir immer wieder Zeugen geworden von Aufständen: 2011 in Syrien, 2014 in der Ukraine, 2020/21 in Belarus/Weißrussland. In Syrien und Belarus wurden sie blutig niedergeschlagen, in Syrien mündeten sie in einen grausamen Krieg, in deren Verlauf die Städte zerstört wurden und Millionen Syrer ihr Land verlassen haben. Die Hoffnung auf mehr Freiheit treibt Menschen immer noch und immer wieder auf die Straße, Menschen, die von Autokraten und Diktatoren unterdrückt werden. Diese Hoffnung repräsentiert auf dem Bild von Delacroix ein Junge, der neben der Liberté herläuft, in jeder Hand eine Pistole. Victor Hugo hat ihm in seinem Roman Les Misérables ein Denkmal gesetzt und ihn Gavroche genannt.

Um die revolutionären Vorgänge überall in der Welt geht es in meinem Roman jedoch nicht, von ihnen erfahren wir täglich in den Medien. Ich habe mit Judith Laub eine Frau in den Mittelpunkt gestellt, die in der Bundesrepublik groß geworden ist und nach einem Ort in einer Gesellschaft sucht, in der so viel von Freiheit die Rede ist. Und die immer wieder mit Rollenerwartungen konfrontiert ist, die sie nicht erfüllen will.

Dafür sucht sie Unterstützung bei der Liberté. In Paris erfährt sie mehr über die Zeit, in der die Liberté entstanden ist, und lernt Olympe de Gouges kennen, die als erste die Menschenrechte für Frauen einforderte. Ich widme dieses Buch allen Frauen, die sich durch keine Rollenerwartung einschränken lassen und versuchen, möglichst viele Aspekte des Lebens kennenzulernen.